TEDDY GEGEN DEN REST DER WERBEWELT

Fitness, Fun & Fideo
 
 
»Was sind Sie denn von Beruf?«
»Ich? Ich bin Art Director.«
»Und was ist das?«
»Tja. Das ist so ‘ne Art Direktor ...« 
Der älteste Art Director-Witz der Welt

 

Ich weiß es noch wie heute: Es war im Januar 1983, ich war gerade frisch­gebackener Redakteur der Sa­tirezeit­schrift »Titanic« gewor­den, da tauchte vor meinem schäbigen Frankfurter Schreibtisch ein strubbeliger junger Mann auf. Schüchtern und ein wenig linkisch reichte er mir ein Blatt über den Tisch.

»Ich hab da was geschrieben«, sagte er.

»Schön«, sagte ich. »Ich hab heut’ noch nix geschrie­ben. Eins zu null für Dich.«

Er lachte noch nicht mal. Das gefiel mir.

»Es ist was über das, was man auf der Straße so sieht. Über die Leute und was sie so ma­chen. Über die Trends halt ir­gendwie«, sagte er. Dann ging  er wieder.

Ich las den kurzen, knappen und bemerkenswert kras­sen Text und entschloß mich, Kraft meiner Jugend und Dank des toleranten Desinter­esses des Chefredakteurs eine neue Ru­brik in die beliebten ersten Heftsei­ten unter »Briefe an die Leser« einzuschmuggeln, einen winzig kleinen Ka­sten mit dem Titel »Teddy’s Trends«.

Warum? Nun, ich hatte irgendwie den Ein­druck, die­ser Bursche, der sich Teddy Hecht nannte, aber eher wie ein Theodor aussah, schrieb mir direkt aus dem Herzen. Und Sie wissen ja, wie es mit den Redakteu­ren heutzu­tage ist: Sie haben irre viel auf dem Herzen. Aber vor lauter Heftchen-Ma­cherei keinerlei Zeit mehr zum Schreiben.

Teddy aber schrieb. Wenig, aber regelmäßig. Über al­les, was er sah und hörte, las und erlebte. Und kam um die in diesen Zeiten sich immer wichtigtuerischer und auf­dringlicher in den Alltag einschleimende Wer­bung natürlich nicht herum.

Sein privates Statement zu diesem umstrittenen Zweig des hoch­modernen Lebens war klar und deut­lich: »Die In­du­strialisierung  an sich ist kacke, also ist die Werbung für Industrieprodukte auch kacke.«

Na, wer sagt‘s denn? Teddy. Und zwar erst­mals im Juni 1984:

Jedem, der sich so zwanghaft wie ich dafür inter­essiert, ob seine Mitmenschen eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben, rate ich schwer, der aktuellen Radiower­bung kurz sein (hoffentlich abwaschbares) Ohr zu leihen: Aus­gehend von der schlichten These, dass die Wer­bung so beschaffen ist wie die, für die sie geschaffen wird, bin ich of­fensichtlich von Idioten umzingelt; und was da zur Zeit gerade im Funkspot mangels irrer-wirrer Fernsehgesichter an laut tönender Dröhn­büddeligkeit zuge­legt wird, verfolgt selbst mich Härtesten der Harten bis ins finsterste Privatleben ... und so lie­gen wir manchmal bei­einander im Bett, und »Düngerduschen!« ruft die Frau, die ich liebe, und wenn ich dann nicht stante pede in retour »Jetzt kommt das neue Latzi-Katz, da ma­chen alle Kat­zen: Schmatz!« zu singen beginne, gibt’s für mich nix Süßes mehr.

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»Fristen unsere Kinderkids eigentlich 
ein so derartig dumpf-trübes Leben, 
dass bei ihnen jegliches Wasser 
schon bei 60 Grad zu sieden beginnt?«
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Doch von solch privaten »Wir lachen zwangweise über die doofe Werbung«-Nöten noch mitdenkender Kreise ließen sich die Volksverdummer natürlich nicht bremsen. Mitnichten: Neue, junge, hormonell zwangsdynamische Burschen traten nun in der Werbewirtschaft an, duschten morgens kalt und zogen dann energisch Vierfarbanzeigen an Land, dass es nur so krachte. Aber wohin damit? Also schuf man sich die passende schicke Zeitschriften-Landschaft dazu: »Tempo« hieß ihr Motto und die dazugehörige Papierzeitschrift zum Tränenerweichen – und alle Welt plapperte brav über den »Zeitgeist«, der plötzlich in aller Munde war, doch in niemandes Kopf. Im Mai ’86 wurde das künstlich produzierte Gedröhne und Gedöhns dann selbst Teddy zuviel: 

Zeitgeistwas für ein Wort! Sagt es doch nichts anderes, als dass eine Zeit einen Geist hat, und der Geist unserer momentanen Zeit anschei­nend so dermaßen dürftig daher­kommt, dass man ihm nur mit einem Wischiwaschi-Wort wie eben »Zeitgeist« gerecht werden kann. Über Sinn und Inhalt dieser Hochglanzblätter, die sich auf dem Zeitschriften-Markt um die Zusammenraffung eben dieser Bedürftigkeit bemühen, darf sich hier ein Mann äußern, der Zeitschrif­ten zu sei­nem Lebensinhalt gemacht hat (Hallo Peter!): »Die Revolution allein über die Typografie findet nicht statt«, erklärt er mir form­vollendet am Tele­fon – was ich unge­fähr mal so übersetzen möchte: »Sach doch ma ehrlich: Is ja ganz hübsch, diese schicken neuen Layouts und die vielen, vielen bunten Bildchen, näch? Aber is an­sonsten doch reichlich stinkpupsnormal, was da so drinsteht, oder?« Ich muss ihm recht geben: Ein Blick in jede x-beliebige Lese­mappen-Illustrierte aus Omas Frisörsalon vermittelt da doch eher den Eindruck, dass das Leben noch brodelt. Wenn auch ziemlich saudumm.

War das nicht etwas arg krass? – »Nö«, befand Teddy auf An­frage. »Wieso? Ich sach' ja nur, wie's iss.« – Und wie war’s? Noch viel schlimmer: Die Werber saug­ten aus eigener Erfindungsnot schier alles auf, was der Volksmund an schöpferischen Ei­genheiten hervor­brachte. Sie plünderten, schändeten, beuteten echtes, erleb­tes Da­sein hemmungslos aus und vergewaltigten mit ihrem extrahierten Beute­gut in der medialen Retourkutsche Augen, Ohren und was immer Zugang zu den Gehirnen der Menschen bot, von denen sie 3 Mark 50 haben wollten – und den Rest ihres Verstandes. Jedenfalls im Herbst ’86:

Mein alter Vater konnte sich schon vor Jahren darüber verwundern, dass sein missratener Sohn etwas nicht nur schlicht »gut«, sondern minde­stens »unheimlich gut« empfinden musste – und wie er eigentlich diese widerstre­benden Züge des Unheimlichen und des Guten bloß unter einen brodelnden jugendlichen Hut brachte. Heute bin ich es, der wie ein Dorftrottel vor der Litfasssäule steht und al­len Ernstes darüber nachdenkt, was an einer koffeinhalti­gen Limo­nade mit Kirsch-Beigeschmack (Cherry Cola) eigentlich »Ganz Schön Crazy« sein soll; hilflos starre ich in die pupsige Schurrimurri-Auslage eines x-beliebi­gen Optikers und lese, wie »grell« und »schrill« bil­lige, bunte Kinder-Plastik­uhren in aller Wirk­lichkeit sein sollen ... ja, grundsätzlich: wie wahn­sinnig irre schräg behämmert und ausgeflippt toll voll verrückt alles ist – was ist los? Warum dieses Tollhaus-Vokabular für jeglichen Dünnpfiff? Bin ich denn alltags­mäßig wirklich so eine abge­brühte Sau gewor­den – oder fristen unsere Kin­derkids ein derartig dumpf-trübes Le­ben, dass bei ihnen jegliches Wasser schon bei 60 Grad zu sieden beginnt? Mann, wirklich: Boh­rende Lan­geweile muss der Dreh- und Angelpunkt ihres tristen Trantütenlebens sein, wenn sie sich so billig hopp nehmen lassen von den Werbe­fuzzis. – Mich privat interessiert ja mittlerweile nur noch ein einziges Wort: »Normal« heißt es. Und wenn mir doch bitte irgendjemand mal erklärte, was »normal« heutzu­tage eigent­lich noch bedeu­ten könnte – das fänd' ich zwangsjackenmäßig schizo, echt!

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»Snow« & »Fox« & »Tiffany« & »Memphis« 
& »Flair« & »Fan« & »Happy« & »Swing« 
& »Club« & »Holiday« & »Bistro« ...
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Ich zum Beispiel fand' mich »normal«. Und hielt mich als gestandener 68er Kon­sumterror-Verweigerer schließlich auch für absolut werbe-immun. Doch Teddy verhalf mir zu der traurigen Er­kenntnis, wie wenig derartige Normalität nützt, wenn man ansonsten von einer restlichen Menschheit umgeben ist, die total hörig und ver­seucht ist. Und sich – zumindest im März 1987 – sogar per Saxophon einen Orgasmus für’s Ohr herbeisimulie­ren ließ ...

Einst ertönte es unvermeidlich immer dann, wenn in Ed­gar Wallace-Filmen ein weinroter Plüschvorhang beiseite geschoben wurde und den Kamerablick freigab auf eine zwielichtige Kriminaltango-Taverne (und natürlich auf die ebenso unvermeidliche Elisabeth Flickenschildt, die spielen konnte, was nur sie spielen konnte, nämlich »Elisabeth Flickenschildt«) – das Saxo­phon. Ursprünglich ein schön geschwungenes Instrument, geschaf­fen, damit drogenausge­höhlte Bebop-Jazzer sich daran festhalten und ihren komprimierten Kummer in die Welt hin­ausbla­sen konnten, ver­kam es so pö a pö zu ei­ner schwülstigen Tüte und wurde endlich von der wüsten, wütenden E-Gi­tarre abgelöst. Später entdeckten es dann Pop-Rocker wie Peter Maffay wieder, entließen ihre mittlerweile bierbäu­chig gewordenen So­logitarristen und ließen statt des­sen einen Strahl windelweicher Saxophonsülze in die ent­wöhn­ten Ohren ihrer Fans schmalzen. Heute nun, wo schon in jedem Tütensuppen-Werbesong abge­griffenstes Heavy-Metal-Gitar­rengebraaatze a la Gruga-Halle mitmischt und wahrscheinlich keiner alten Oma mehr auch nur die Rheuma­wäsche beutelt, heute nun hat sich die Reklame der armen Saxophontröte ange­nommen, um auch noch den letzten Hauch ver­gangener Ver­ruchtheit aus ihr her­aus zu quetschen: Bikinida­men sitzen damit am Strand und feuern mit noch unsagbar viel ausgeleierterer Dudelei denn je den Verkauf von eiskalten Lutschstangen in die Höhe; Schickimickimädels hüpfen damit auf einsam be­strahlte Bühnen, um per Playback ihre Begeisterung dar­ü­ber ins gold­gelbe Rohr zu pu­sten, dass die Welt zwar grau, ihre Zipfelfrisur aber stets knallbunt gefärbt ist – kurz: Wel­ches In­strument wird das arme, alte Saxophon aus die­ser drögen Zeitgeist-Darstel­lung erlösen? ... Ich persönlich plädiere da ja schwer für die Block­flöte. 

Hat leider nicht geklappt. Langnese & Wella-Haartönung bliesen weiter ins Messingrohr, ich verließ Frankfurt aus Sehnsucht nach frischem Sau­erstoff, und kaum war eine neue Zeitschrift in Hamburg gegründet, »Kowalski«, tauchte  auch Teddy  wieder neben meinem Schreibtisch auf. Die Frankfurter »Watte im Kopf« hatte auch er anscheinend hin­ter sich gelassen und stellte im kurzzeitig konsumentenun­ruhigen Oktober '87 haarscharf die neuesten Trends in der zwischendurch ausnahmsweise mal angenehm verun­sicherten Werbebranche fest ...

Behutsam wie mit einem Irren kurz vor seinem Anfall geht in letzter Zeit auch die Werbung mit ihrer Kundschaft um: dem angenehm dusseli­gen Massenkonsumenten. Er wird jetzt seit neuestem gefragt, was er denn nun noch gerne haben möchte: »Ja, trifft denn dieses Produkt auch auf eine Akzeptanz? Ist denn für dieses Produkt überhaupt eine Akzeptanz bei den Leuten vor­handen?« lautet die neueste Sorge in den Chrom-Etagen. Na, wenn man mich als Kunde schon so fragt: »Also, Leute: Egal, um welches Produkt es sich handelt – erst mal jedenfalls nicht!«

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»So locker, so luftig, ja irgendwie so leicht ist 
der Mensch! Vor allen Dingen leicht zu begeistern
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Richtig! Wofür sind die Werbefuzzies denn schließlich da? Sollen die doch dafür arbeiten, sich bei mir mit ihrem überflüssigen Schrott anzuwanzen! Und das taten Sie: Sie machten schier das Un­mögliche möglich. Leider wirklich nichts war mehr »un-möööglich« – und das war ja gerade das Peinli­che daran. Zum Beispiel im unmöglichen Juli 1988:  

Ja, das ist der Sommer: So locker, so luftig, ja ir­gendwie so leicht ist der Mensch! – Vor allen Dingen leicht zu begei­stern: Von leichtem Bier (Jever light), leichtem Schmierkäse (Bressot light), leichter Lektüre (Kafka ligbt) ... Leicht–leicht–leicht? Seicht–seicht–seicht! Hauptsache, der Bikini passt und der Kopf bleibt leer. Ich hingegen sage: »Gewogen und für zu leicht befunden.« Denn Gutes ist schwer! Und worauf ich und die Menschheit wirklich dringend warten, das ist zum Beispiel Cola heavy. Verstanden, Herren bei die Wer­be­agenturens? Trend kapiert? Reagiert? Gut.

Haben Sie natürlich nicht. Ungut. Ein böser Sommer über­haupt: Die Ju­gend war ratlos, Hippies noch nicht wieder »In«, HipHop gerade noch in den Jugendbeschäftigungs-Labors am Köcheln – und wer, wenn nicht die windelweichen Werbe­wischiwaschis, sollte die zukünftigen Taschengeld­investitio­nen lenken? Flugs wurde »Fräulein Schrillschnecke« ins Alltags­leben gehoben. Mit Erfolg: Im November 1988 er­litt Teddy schon gleich beim allerersten Vorbeigehen an ihrer Plakatfresse einen schweren Anfall von Neurodermitis ...

Seltsam: Ich bin diesen Monat ungewöhnlich milde ge­stimmt. Eine sanfte Herbstmüdigkeit wahrscheinlich. Des­halb will ich glimpflich umgehen mit der wohl schlimmsten Jungweibervi­sage, die mich seit Jahrzehnten von einer Rie­senplakatwand herunter angegrellt hat: »Nein, sehr ver­ehrtes junges Fräulein von der Young Collection von C&A – was Sie da, vermut­lich mit spitzen Nadeln gepiesackt durch die verzweifel­ten Werbefotografen, an einer schrill­schrägen Schnute resp. einem abscheulichen Schluckloch (meint: Maul mitten in der Fresse) anbieten, ist weder hip noch hop noch pop noch top, sondern schlicht nur noch eins: krank. – Hand auf’s Herz, Herzchen: Was glaubst du wohl, welches noch einigermaßen kreuzge­rade Mädchen auf dieser Welt so eine Ische wie dich zur besten Freundin haben will? Und, Hand auf die Hose, meine Herren von der Casanova-Fraktion: Wer möchte denn bitte mor­gens im Bett aufwachen und eine so dermaßen hochhysterische Schrill­schnecke auf dem Kopfkissen neben sich entdec­ken? Junge­junge, leben wir in wirren Zeiten.

... »krank«. Endlich war es da. Endlich war es ausgespro­chen und niederge­legt, dieses Wort. Endlich war es in der Welt, nachdem diese schon lang danieder lag. Krank. Ich war wie erlöst. Eine schlichte Diagnose. Und so absolut treffend! Doch für die Besitzer von Volksstillstellbetrieben, Vali­umagentu­ren und Konsumapotheken letztendlich der ange­strebte und hart erarbeitete Idealzustand: Gesunden kann man schließlich keine Medikamente ver­kau­fen, oder? Krank. Wer hätte gewagt, diesen Gesellschaftszustand so deutlich und klar auszusprechen? Ich nicht. Jeden­falls nicht un­ter meinem richtigen Namen. Und um Namen ging  zu die­ser Zeit alles. Die alten Worte und ihre Inhalte waren endgültig ver­schlissen und sinnentleert, die Werbung erfand einfach Neue. Und Teddy sammelte sie. Schon im April 1989 legte er erste Ergebnisse vor:  

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»Wer möchte denn bitte morgens aufwachen 
und eine so dermaßen hochhysterische Schrillschnecke 
auf dem Kopfkissen neben sich entdecken?«
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Warum in aller Welt heißen so kleine Hutschefiedel–Autos wie Opel Kadett oder VW Golf oder Ford Fiesta oder Renault 5 auf einmal nicht mehr nur »Kadett« oder »Golf« oder »Fiesta« oder eben »5«, sondern seit neuestem zusätzlich auch noch »Snow« & »Fox« & »Tiffany« & »Memphis« & »Flair« & »Fan« & »Happy« & »Swing« & »Club« & »Holiday« & »Bistro« und was es dergleichen nichtssagende, frauenbetörende und zum Zweitwagenkauf verführende Easy-Freizeit-Popcorn-Worte sonst noch gibt? – Zumindest bei Snow & Fox & Tiffany hätte ich eine Idee – wahrscheinlich wegen der Extraausstattung: Fußmatten aus weißem Samt, Sitze mit Fuchspelz bezogen und Windschutzscheibe aus Buntglasscherben in schwerer Kirchenfenster-Bleieinfassung ...

Gute Fahrt! Doch dazu später mehr. Inzwischen beobachtete Teddy zwangweise das ebenso zwanghafte Ambiente seiner Klientel. Doch was sollte er als Menschenfreund tun? Wo man doch mittlerweile sogar Be­kannte oder gar Freunde hatte, die sich mit minderwertigen Werbeauf­trägen ihren nackten Lebensunterhalt finan­zieren mussten und die not­wendigsten italienischen Luxuslebensmittel und Sportwagen dazu. Wer wollte da – im Juli 1989 – noch harsch über seinesgleichen urteilen? – Teddy:

Ja, ich bin überzeugt: Mit der Coolness ist es end­gültig vor­bei. Seit zehn langen Jahren betrete ich, wenn auch mit Abscheu und nur im Schlepp von unbefangeneren Freun­den, sogenannte und seit zehn Jahren unverändert gleiche Szene-Kneipen. Igitt. Kürzlich war ich erst wieder in einer: »Einen Kaputtschieno, bitte«, sagte ich zu dem Ge­tränkeein­schenker hinter dem Tresen, der ein künstlich zerrissenes T-Shirt trug und ölig zu­rückgekämmte Haare. »Sei bloß freundlich zu ihm«, flüsterte eine Schnecke auf dem Nachbar­hocker mir zu, »sonst kriegst du gar nichts!« Kleine Pause. »Er ist sehr empfindlich«, setzte sie nach einer Weile hinzu, als ich sie wohl so starr & verständnislos ankuckte wie eine Kuh (die sie wohl in der Tat auch war). Und dann, zur Erklärung und als sei es das Amen in der Neonkirche: »Wir sind hier schließ­lich in einer Szenekneipe!« Währenddessen leuchteten un­verdrossen die unvermeidlichen Neonlampen und das Glas war da und der Mar­mor und der Chromstahl und die Lan­geweile, und mindestens dreimal, während ich vier Cap­puc­cinos trank, fiel das Wort »Textildesign« ... nun gut. Ein paar von diesen schneeweißen Lokalitä­ten werden si­cher­lich überleben. Wer­den aus lauter neuer Einfallslosigkeit einfach ewig so bleiben, wie sie gerade sind, und bis ins hohe Alter wird der Szenekneipenwirt den Werbevete­ra­nen & Tex­tildesi­gnrentnern ih­ren Grappa hin­stellen ins grelle Aquariumslicht. Und die Jun­gen, die auf der Straße vorbeigehen, werden la­chen und schmunzeln über Opas Szenekneipe und rufen: »Der Letzte macht das Neonlicht aus!« – Jaja: Grau­sam, die Jugend.

Nicht nur grausam, auch hartnäckig: Teddy sammelte eifrig weiter, voraussagte rein textildesigntechnisch den ethnologisch wildgemischten Norwegerpulli-Inkaindianer-Cowboycountry-Look, die Absage an den chronischen Chrom und die absolute Hingabe zu hand­genagelten afrikani­schen Häuptlings­esseln im Indoor-Bereich ... und ahnte outdoor­technisch bereits im November 1989, was wir Benzinver­braucher heute mit trauriger Gewissheit wissen: Heutzutage I feel sogar schon free in einem pupsigen Opel Astra. Und viereckige VW-Golfs sind sogar – Entschuldige, lieber Gott – die Schöpfung und »Genesis« an sich ...

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»Hauptsache, der Bikini passt 
und der Kopf bleibt leer.«
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Welches sind eigentlich die Worte & Begriffe, die den hochdekadenten – äh: -zivilisierten Menschen der nun bald zurückliegenden Achtziger Jahre am meisten be­deutet ha­ben? Nun, die Kreativ-Eliten der Bun­desrepublik haben sich nächte­lang die Wer­beköpfe darüber zerbrochen, so mancher Dop­pelzentner Koks ist dabei die Na­sen hoch­ge­rauscht ... nun ist die Liste komplett! Wenn man jetzt  noch schnell den brandneuen Opel Corsa »Steffi-Special« (mit serienmäßigem »Ablagefach für Tonband-Cassetten«, speziellen »Sitzbezügen im Steffi-Design« und irgendei­nem wurschtegalen Motor) flugs dazu zählt, lauten die Namen (in unalpha­betischer Reihenfolge) wie folgt: Snow & Fox & Tiffany & Memphis & Flair & Fancy & Happy & Swing & Club & Holiday & Bistro & Joy & Look & Sport & Laser & Light & Fe­stival & Campus & Bravo & Manhattan & Fashion & Spring & Sky & Tour & Movie & Match & Coach & Court & Hit & Miami & Fun & Rodeo & Boston & Jogging & Dance & Luxus & California ... ach, wenn doch ein Archäologe in 1000 Jahren diese Liste fände! Wenigstens über die Achtzi­ger des Zwanzigsten Jahrhunderts nach Christus herrschte dann für immer ewige Klarheit.

Ja, die Achtziger waren damit sozusagen voll komplett im Sack. Doch schon wurde es Zeit, sich um den Ruf der Neunzi­ger zu sorgen: Teddy ließ im damals direkt an den November sich anschließenden Dezember diesbezüglich nicht locker ...
 

Die Neunziger – hach, wie werden sie werden? Wird es weiterhin so spannende und hochange­sehene Berufe wie zum Beispiel den Texter geben? Tipp­tastenfähige Menschen an Textverarbeitungs-Ma­schinen, die auf Zuruf und genauen Layouter- bzw. Art Direktor-Wunsch sogenannte Texte er- und herstellen aus z. B.  ge­nau 100 Buchstaben? Bzw. 10 Zeilen? Bzw. 1 Wort? Bzw. in jeden Textsorten-Fall garan­tiert 0 Inhalt? ... Nur, damit wir auch in Zukunft neben den vielen, vielen toptollen Fotos & Bildern auf den ir­gendwie ja liebgewonnenen Anblick dieser an­tiken kleinen Krakelzeichen (Buchstaben) nicht ganz verzichten müssen?

Visionär, nicht wahr? Bei der Werbezeitschrift »Max« haben die Texter­lein es inzwischen be­reits geschafft: Viele Buchstaben – keine Kalorien! Und Fern­sehen, wie mir kürzlich ein gequälter, jedoch noch nicht restlos zyni­sierter TV–Produzent vorstöhnte, wird ja schließlich auch nur noch für die Werbung ge­macht: Als »Werbeträger«, »Trans­por­teur«, ja »Spediti­onsun­ternehmen« bezeichnete er seine Showherstellungs-Firma. Schön, wenn junge Menschen heutzutage noch so denken. Teddy aber dachte am Sylvester-Abend 1989 schneller, weiter – und vor allen Din­gen: höher ...

Lasset uns also beten, Frauen und Männer. Da­für zum Beispiel, dass sich auch im nächsten Jahrzehnt zwischen so dringend und breit-massiv vorgetragenen Messages wie »Coca Cola is it!« oder »Freedom – Die Monatshygiene, die Spaß macht« (»Du, das macht so ein Spaß – ich könnt den Tampon den ganzen Tag rein und raus schieben!«) noch der notwendige Speicherplatz in den vollgeblasenen Bür­gerbirnen finden wird für bescheidene, zu­künftige Ein­sichten wie: Dass man etwa Wasser braucht zum Trinken ... und dass man Autos nicht essen kann. Und dass auf  einem as­phaltierten Parkplatz so gut wie gar kein Brot nicht wächst. – Lasset uns also froh und unbe­denklich Ab­schied nehmen von den Achtzigern, Brüder und vor allen Dingen BrüderInnen! Ihr und sie kön­nen so schauderhaft nicht gewesen sein, wie es mir in Erinnerung bleiben möcht. Sonst säßen bzw. lägen wir auch nicht gerade hier und heute gemütlich und eventuell in Lebkuchenduft um diese Blätter Papier ver­sammelt, ohne wenn und aber und in ein biß­chen Frieden und Freiheit und in aller Deutlichkeit. Wir alle – ihr, meine Freunde und -dinnen, mein Hund und leider­leider ja auch ich –, wir sind gewiss nicht zehn Jahre jünger ge­worden in den vergangenen zehn Jahren, oder? ... Doch den ein oder anderen unter uns, wer weiß, wer weiß, den hat eventuell ir­gendwann irgendwie irgendwas men­tal mal gut drauf ge­bracht bzw. drauf geschickt bzw. eben an­getörnt so­zusagen, er hat voll gut abgehoben, ist ausgeflippt und high gewesen halt, auf dem ein oder ande­ren guten Trip, um in der ehemaligen Drogen- bzw. mittlerweile Werbe-Sprache bzw. inzwischen gar schon offiziellen Bo­ris Bec­ker-Bürgerrausch-Sprache von Fitness, Fun & Fi­deo zu sprechen ... und mehr wollte man doch gar nicht, oder? Boris hat sein Geld gemacht, hat aber das Leben noch vor sich; andere wie ich sind brav arm geblieben, haben sich aber in Heimarbeit vielleicht ein bißchen selbst verwirk­licht (Tiffany / Makramee / Selber Ölwechsel machen), haben sich hier und da auch mal ein­gelassen und einge­bracht und even­tuell gelernt, mit irgendwas um­zugehen und das auch anzu­nehmen und auszule­ben und werden wohl auch in Zu­kunft noch ein wenig weiter an ihrem Ego herumpus­seln in al­ler preiswerten Selbsterfah­rung ... na, und für die ganz Jungen unter uns, die gerade erst die Bravo-Hitpara­den lesen lernen und die Pic­kel-Anzeigen, für die ist ja eh noch alles pla­ketti und arschklar, und ein brandneuer & steinalter Reigen aus eitel HipHop, PupsiCola und Saxu­tät in Farbe erwar­tet sie ... beneidens­wert. Meint, kurz: Goodbye – Hello! Die Eighties sind tot. Wir aber nicht. Und das Leben brummt weiter.